Warum Lebendiges Lüneburg?

Die Ausgangslage
Unsere Welt verändert sich rapide. Mit dem Ende des Glaubens an die (Finanz-)Märkte und an die Beherrschbarkeit der Atomkraft sind den westlichen Gesellschaften gegenwärtig vermeintliche Sicherheiten abhanden gekommen. Vor 200 Jahren haben wir (zufällig) mit dem Erdöl im Keller unserer Erde einen Zaubertrank gefunden, der den Treibstoff für einen gesellschaftlichen Entwicklungssprung bereitstellte. In absehbarer Zeit neigt sich dieser Vorrat aber dem Ende und steht so nicht mehr – bzw. nur noch zu unverhältnismäßig hohen Kosten – zur Verfügung. Diese fossile Energiebasis hatte eine Explosion der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf unserem Planeten zur Folge, die inzwischen mit Klimawandel und Umweltzerstörung die natürlichen Ressourcen für eine wachsende Weltbevölkerung übersteigt.

Die Problematik dieser globalen Perspektive ist seit über 40 Jahren der Öffentlichkeit zugänglich und bestens bekannt, doch eine notwendige, breit angelegte Übertragung auf lokale Ebenen stockt nach wie vor. Bei sich selbst anzufangen, in seinem Lebensumfeld Pionier und offen für Veränderungsprozesse zu sein ist für das Individuum offensichtlich extrem schwer umsetzbar. Die gegenwärtig vorherrschenden Lebensstile, Konsummuster und Arbeitsformen scheinen uns derart kulturell zu prägen, dass uns unsere Blickwinkel und Verhaltensweisen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unveränderbar erscheinen.

Alleine voran gehen ist immer schwer. Häufig fällt uns Menschen dies in einer Gemeinschaft leichter. Nur, bis sich diese erlebbar zusammen findet, formiert und sich der erreichbare Aktionsradios selbst be- und verstärkt müssen zumeist viele Hürden genommen und dabei zudem die jeweiligen lokalen Gegegebenheiten berücksichtigt werden. Die vorliegende Dokumentation beschreibt auszugsweise, einen Prozess, in dem Menschen, sich gezielt diesen Hürden widmen. Ort des Geschehens ist Lüneburg, eine Stadt mit derzeit 73.581 Einwohnern (Stand: 31.12.2011) in Nord-Ost-Niedersachsen.

Lüneburg – eine Stadt mit viel Potenzial für Transformation
Die Hanse- und Universitätsstadt bietet aus mehreren Gründen eine günstige Ausgangssituation für einen geplanten Transformationsprozess. Zum einen existiert u.a. durch die über 1000-jährige Stadtgeschichte eine lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements mit vielfältigen Akteuren, Initiativen und Vereinen. Zum anderen trägt der Universitätsstandort mit transdisziplinären Studiengängen (z.B. Nachhaltigkeitswissenschaften, Kulturwissenschaften und Wirtschaftspsychologie) dazu bei, dass immer wieder neue Impulse und Zukunftsvisionen aus den verschiedenen Wissenschaften durch die Forscher und Studierenden die Stadt bevölkern und bereichern. Die überschaubare Größe des Stadtgebietes mit ihrem kompakt gewachsenen Innenstadtkern ist ein weiterer förderlicher Faktor, der eine hohe Interaktionsrate mit persönlichen Begegnungen und Netzwerkbildungen begünstigt. Vielleicht können in diesem Zusammenhang inbesondere kleinere kommunale Strukturen den großen Metropolen in Sachen gesellschaftlicher Innovationen nötige Vorbildfunktion bzw. zukunftsfähige Modelle liefern.

DialogN – Stadtentwicklung in Bürgerhand
Im Januar 2012 starteten Bürgerinnen und Bürger in Lüneburg ein Projektvorhaben unter dem Namen DialogN, mit der zentralen Annahme, dass die wirkungsvollsten Lösungen im Interesse der Allgemeinheit für eine Region (nur) von der Bürgerschaft (von unten bzw. “bottom-up”) entwickelt werden. Gemeinsam wurden hierbei stetig Visionen und konkrete Lösungsoptionen gesammelt, die auf Transparenz, partizipative Entscheidungsverfahren und auf eine aktive Einbindung von verschiedenen Künsten und Kreativität setzt.
Dafür bedarf es zunächst Ermutigung/en, Zeit, Unterstützung und Räume zum Experimentieren, in denen Menschen Strukturen kreiieren, die es ihnen leicht(er) machen, vor Ort zu kooperieren.
Benötigt wird zudem eine größtmögliche Aufmerksamkeit für ihre Bedürfnisse und Ideen, eine Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, sich aufbauendes Vertrauen und gemeinsam entwickelte Regeln.
Diese Wege des Miteinanders (Commoning), die Menschen in die Lage versetzen kollektive Ressourcen miteinander zu erschaffen, nutzen und zu erhalten, gehören wieder ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit, die seit langem mit Konsumwerbung, Anstiftung zum Wettbewerb, Fixierung auf ökonomisches Wachstum und der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts überladen sind.

DialogN agierte dabei konkret auf zwei Ebenen. Einerseits unterstützen Überzeugungsprojekte, wie die Einrichtung von temporären Runden Tische zu verschiedenen Themen, wie z.B. Ernährung, Energie oder Mobilität die gedankliche Reflektion. Andererseits bieten parallel stattfindende Umsetzungsprojekte konkrete Erfahrungsräume (z.B. Verschenkbox, Obstbörsen, Stundentauschplattformen, Bäume pflanzen), die in jährlichen Aktionstagen gipfeln. Zusammen ergibt dies vor Ort einen erfahrbaren Rahmen für einen kulturellen Wandel, der neue Denk- und Verhaltensweisen auslösen kann.

Auf dem Weg zu einem kommunalen Commonismus
Aufbauend auf der Erkenntnis, dass diese Prozesse nicht ohne gemeinsames Tun entstehen und existieren und das jeder Einzelne an der permanenten Gestaltung eines regelbasierten Gemeinwesens teilhat müssen Bürgerinnen und Bürger die Kunst des sich „Zusammentuns“ (neu) erlernen.

Die Einführung einer Lern- und Fehlerkultur im gelebten Miteinander von Nicht-Experten und Außenstehenden erzeugt ein kollektives Bewusstsein, in dem Fehler als Lernchancen begriffen werden und in der eine Wertschätzung des jeweils anderen mit seiner einzigartige Persönlichkeit ruht. In diesen Kontext gehört auch, dass sich Bürgerschaft und die Kommunalverwaltung, sowie die vorgelagerte Richtlinienkompetenz der Politik auf einer erweiterten Ebene als Partner verstehen, nicht in Gegnerschaft in Beziehung stehen und sich auf Augenhöhe begegnen. Gemeinsam sind sie auf einer Art andauernden Entdeckungsreise und besitzen das Potenzial über sich hinauszuwachsen.

In diesem Prozess ist jeder Mensch – ganz nach Joseph Beuys nicht nur Künstler – sondern hat als Bürger, Konsument und Prosument zahlreiche Spielräume für Teilhabe an der Gesellschaft und deren Veränderungen. Der eine Mensch mag mehr Freiräume als der andere haben, aber niemand hat keinen. Im kollektiven Zusammenschluss werden diese Spielräume größer. Getreu nach dem Motto „Comm on!“ sollten wir anfangen sie verstärkt zu nutzen!

Die vorliegende Dokumentation der bisherigen DialogN-Tätigkeiten bietet ein Kaleidoskop über Möglichkeitenräume, die bislang geschaffen wurden.
Mit der Plattform Lebendiges Lüneburg existiert nun eine offene Einladung an alle Bürgerinnen und Bürger Lüneburgs, den bisherigen Weg des DialogN weiterzugehen.

Thore Debor
Lüneburg, im Januar 2014

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